Bode freut sich, die Eröffnung der Gruppenausstellung Hyperacuity mit Werken von Alteronce Gumby, Henri Haake, Sol Kordich, Gabriel Mills, Teresa Murta und Zafer Urun anzukündigen.

 

‚Ich sehe was, das du nicht siehst‘ ist die frühe, spielerische Übung im Suchen und Finden des Sichtbaren. Innerhalb der künstlerischen Praxis entfaltet sich daraus eine Reflexion über die Bedingungen von Sichtbarkeit selbst. Schicht für Schicht verleihen die Künstler:innen in Hyperacuity dem Unsichtbaren Form. Während einige freilegen, was sich der Wahrnehmung entzieht, verbergen andere Schichten das einst Sichtbare unter einer stoffhaften Decke aus Farbe und Form. Um über diese visuellen Ebenen hinaus zu sehen, bedarf es der Hyperacuity, ein Begriff aus der Sehforschung, der die Fähigkeit beschreibt, über die natürlichen Grenzen des Auges hinaus wahrzunehmen. Eine Fähigkeit, die in der gleichnamigen Ausstellung zu einem Kommunikationsmittel zwischen Künstler:innen und Betrachter:innen wird.

 

Ausgehend davon lässt sich Hyperacuity in eine kunsthistorische Entwicklung einordnen, in der Sehen nicht als etwas Gegebenes verstanden wird, sondern als etwas, das sich ständig verändert und neu ausgehandelt wird. Von Turners atmosphärischen Auflösungen über die flirrenden Wahrnehmungen des Impressionismus bis hin zu den optischen Experimenten der Op Art und den Wahrnehmungsfragen der abstrakten Malerei nach 1945 wurde immer wieder ausgelotet, was Sichtbarkeit konstituiert. Der Prozess des Sehens ist dabei nie neutral, sondern geprägt, konstruiert und nicht selten trügerisch. Die Arbeiten der Ausstellung greifen diese Fragestellungen auf und richten den Blick zugleich auf die vielschichtigen, fragmentierten und teils widersprüchlichen Formen von Wahrnehmung in der Gegenwart.

 

Im Ausstellungsraum werden Malerei und Objekt zu Übergangszonen statt zu klaren Bildern. Sichtbarkeit erscheint hier nicht als etwas Festes, sondern als etwas, das sich stets zwischen Auftauchen und Verschwinden zu bewegen scheint. So wird in Alteronce Gumbys Arbeit Licht zu Material und Illusion zugleich. Durch die Kombination von Glas und Pigment entstehen Oberflächen, die sich je nach Standpunkt verändern und sich einer eindeutigen Wahrnehmungsdefinition entziehen. Die Werke fordern Bewegung ein und machen Sehen zum aktiven Vorgang.

 

Auch Henri Haakes Malerei entwickelt sich aus Verdichtung, Übermalung und Auflösung. Durch das bewusste Übereinanderschichten visueller Elemente, die sich aus Erinnerung, Wahrnehmung und kunsthistorischen Bezügen speisen, verdichten sich die Bildräume zu komplexen Strukturen, die sich zunehmend selbst überlagern. Anstelle eines klar gefassten Motivs zeigt sich eine offene, fragmentierte Bildordnung, die sich an der Grenze zur Auflösung bewegt. Haakes Malerei entzieht sich eindeutigen Lesarten und hält den Moment zwischen Auftauchen und Verschwinden bewusst in der Schwebe.

 

Sol Kordich begreift Malerei als räumlichen und zeitlichen Prozess. In ihren Arbeiten entstehen durch Schichtung, Transparenz und rhythmische Gesten vielschichtige Bildräume, die zu einem langsamen, aufmerksamen Sehen einladen, bei dem sich Bedeutungen nicht sofort erschließen, sondern nach und nach entfalten.

 

Gabriel Mills erweitert das Thema Wahrnehmung um Aspekte von Erinnerung, Herkunft und Spiritualität. Seine Bildwelten, geprägt von afrikanischer Skulptur und persönlichen Erzählungen, bewegen sich zwischen verschiedenen Zeiten und Ebenen. Wahrnehmung wird hier zu einem Zugang zu dem, was über das unmittelbar Sichtbare hinausgeht, also zu etwas, das eher gespürt werden muss als eindeutig erkannt werden kann.

 

In Teresa Murtas Malerei zeigt sich Hyperacuity als eine intuitive Bewegung durch offene Bildräume. Ohne feste Vorzeichnung entstehen Arbeiten, die zwischen Abstraktion und Figuration sowie zwischen organischen und künstlichen Formen changieren. Ihre Bilder bleiben bewusst vieldeutig und eröffnen einen Raum, in dem Spuren ihres prozesshaft-performativen Malprozesses hinterbleiben.

 

Zafer Urun bringt schließlich eine weitere Perspektive ein, indem er mit unterschiedlichen Medien und kulturellen Referenzen arbeitet. Elemente aus Mode, Alltagskultur und Kunstgeschichte treffen aufeinander und verschieben die Grenzen zwischen Objekt und Bild, Design und Kunst. Seine Arbeiten machen sichtbar, wie sehr Wahrnehmung von kulturellen Zusammenhängen geprägt ist.

Gemeinsam entwerfen die Künstler:innen in Hyperacuity ein Verständnis von Sehen, das nicht unmittelbar und eindeutig ist. Wahrnehmung erscheint als etwas Prozesshaftes, das sich ständig verändert und neu zusammensetzt. Sie bewegt sich zwischen dem, was sichtbar wird, und dem, was verborgen bleibt. Hyperacuity bedeutet in diesem Zusammenhang weniger ein besseres Sehvermögen, sondern vielmehr eine veränderte Aufmerksamkeit, eine Sensibilität für die Vielschichtigkeit unserer Wahrnehmung und für das, was sich jenseits des Offensichtlichen abspielt.